Paris im November 1793
Die Stadt schlief nicht, seit Monaten nicht mehr. An allen Ecken brannten die Feuer der Revolution und machten die Nacht zum Tag. Fanatische Rufe nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ertönten selbst in den verlassensten Winkeln von Paris und riefen den Pöbel auf den Plan.
Am Ende der Rue de la Savaterie wartete ein hochaufgeschossener Mann im Schatten eines windschiefen Vordachs. Fackeln, getragen von eiligst vorbeiziehenden Menschen, erhellten kurz sein scharf geschnittenes Gesicht und zeichneten sich als tanzende Punkte auf seinen dunklen Augen ab. Dem Mann gegenüber lag einer dieser namenlosen Eingänge, die sich in endlos langen Häuserzeilen verloren. Der Eingang führte in eine mehrstöckige Wohnung, die nur von einer Person bewohnt wurde. Einer Person, die der Mann sehr gut kannte. Vor etlichen Jahren war er zugegen gewesen, als die Person auf den Namen Richard getauft wurde. Später, als der Vater Richards gestorben war und die Mutter in ihrer Not ihre Haare an den Perückenmacher verkaufen musste, hatte er dem jungen Mann eine gute Ausbildung ermöglicht. Er war Richard in den entscheidenden Situationen stets beiseite gestanden, bis die Zeit seinen Rückzug gefordert hatte und er Richards Lebensweg nur noch durch Mittelsmänner beeinflussen konnte. Trotzdem hatten sich die Dinge in seinem Sinne entwickelt. Richard hatte die Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Was blieb, war seinen Tod abzuwarten und die verräterischen Aufzeichnungen zu zerstören.
Der Mann straffte sich und lauschte dem Grölen des Pöbels, der die Stadt in seinen Besitz genommen hatte. Nicht mehr lange und sie würden hier sein, um dem Bürger Richard Meunier seine gerechte Strafe zukommen zu lassen. Gerechtigkeit, welch dehnbarer Begriff, zurechtgebogen von den Herrschenden, die ihre Ideale verrieten und die Menschenrechte abschafften, um genau diese, wie sie behaupteten, zu schützen. Die Schreckensherrschaft strebte ihrem Höhepunkt entgegen und die Helden der Revolution sollten bald Opfer des eigenen Terrors werden. Der Mann lächelte kalt. Er wusste, wie das Ganze enden würde und was daraus entstehen sollte. Er kannte das Schicksal des korsischen Brigadegenerals, der sich später selbst zum Kaiser krönen würde, so wie er vom Tod des französischen Königs gewusst hatte, als dieser noch in seinem Palast rauschende Feste feierte, während sein Volk verhungerte.
Endlich kreuzten die Erwarteten auf. Vorneweg ein halbwüchsiger Bursche mit wirrem Blick und einer abgerissenen Fahne in den klammen Händen. Dahinter ein ungeordneter Haufen wilder Gesellen, von denen die meisten kaum geradeaus laufen konnten. Billiger Rotwein kreiste und Lieder wurden laut angestimmt, um bald wieder in unverständliches Gemurmel überzugehen, unterbrochen von kurzen Parolen, die sich in ihren dumpfen Köpfen eingenistet hatten. Ein Mann schrie Halt und der Haufen kam zum Stehen. Der Befehlshaber trug einen breitrandigen Dreispitz und einen Militärrock, der zwei Einschusslöcher in der Höhe der Herzgegend aufwies. Das getrocknete Blut am Rand der Löcher musste vom Vorbesitzer des Kleidungsstücks stammen. Der Fahne tragende Junge nannte die zwielichtige Gestalt Hauptmann und erkundigte sich nach dem Auftrag. Sich umständlich vor seiner Truppe aufbauend, erhob der Hauptmann seine Stimme:
„Der Bürger Meunier hat sich des Hochverrats schuldig gemacht. Er tritt den heiligen Gedanken der Gleichheit mit Füßen. Er hält sich für etwas Besseres, für jemanden, der über allen anderen steht. Er behauptet, in die Vergangenheit sehen zu können, er glaubt eine Fähigkeit zu besitzen, die ihn von der Menge abhebt, die ihn einzigartig macht.“
„Man sagt, er sei einfach verrückt“, warf einer ein.
Der Hauptmann lächelte hintergründig: „Verrückt, vielleicht schon. Aber das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass er nicht in die neue Ordnung passt und dass er“, nun senkte der Hauptmann verschwörerisch seine Stimme, „eine große Barschaft besitzt.“
Gelächter wurde laut, nur der Junge fragte leicht begriffsstutzig: „Ist das im Sinne der Revolution?“
„Wie kannst du nur solch eine Frage stellen“, entrüstete sich der Hauptmann. „Es dürfte allgemein bekannt sein, dass der Bürger Meunier nicht nur zersetzendes Gedankengut verbreitet hat, sondern auch Royalist ist. Daher stellt er eine große Gefahr für die Grundsätze der Revolution dar; eine Gefahr, die es auszumerzen gilt. Ich bin mir sicher, dass das Tribunal in dieser Sache ein angemessenes Urteil fällen wird. Und wenn wir für unsere Bemühungen eine Entschädigung abzweigen, dann ist das nur gerecht.“
Auf den skeptischen Blick des Jungen ergänzte der Hauptmann gefährlich leise: „Oder zweifelst du die Unfehlbarkeit des Tribunals an?“
Der Junge zuckte wie unter einem Fausthieb zusammen und senkte eingeschüchtert sein Haupt. Lauernd schaute der Hauptmann in die Runde; auch hier war in manches Gesicht Zweifel geschrieben. Zwar wussten seine Männer die Gunst der Stunde zu nutzen, dennoch schienen nicht alle von dem Vorhaben überzeugt zu sein. Die Zeiten waren unruhig und das Tribunal neigte zu unvorhersehbaren Urteilen. Leicht konnte man selbst in die Fänge der Justiz geraten. Der Hauptmann erkannte die Gefahr und änderte seinen Plan. Gedehnt sagte er: „Vielleicht muss sich das Tribunal aber gar nicht mit diesem Fall befassen, vielleicht übersteht der Bürger Meunier sein erstes Verhör überhaupt nicht. Die Königstreuen sollen ja nicht besonders viel aushalten.“
Auf langsames Begreifen folgte allgemeine Zustimmung. Man wusste nun, was zu tun war. Waffen wurden geladen, Messer gezückt und Fäuste geballt. Unter erwartungsvollen Blicken schritt der Hauptmann zur Tat.
„Bürger Meunier! Öffne sofort die Tür,“ schrie er aus Leibeskräften. Mit verschränkten Armen lauschte er der folgenden Stille und wiederholte daraufhin dröhnend seine Aufforderung. Abermals rührte sich nichts und der Hauptmann registrierte erfreut die wachsende Unruhe seiner Männer. Ein drittes Mal stieß er die unnütze Aufforderung aus, dann gab er die Meute mit einem Kopfnicken frei. Krachend zersplitterte das Holz der Eingangstür und die aufgebrachte Menge drängte ins Haus.
Der Mann unter dem Vordach sah, wie im oberen Stock Licht aufflammte. Er hörte eine wütend vorgetragene Anklage und verständnislose Erwiderungen. Er sah die Silhouette des Hauptmanns und die gebeugte Gestalt Richards. Er hörte das Klirren von Glas und das Poltern von schweren Stiefeln. Er sah die erhobenen Fäuste und die lächerliche Gegenwehr des Opfers. Er hörte das Gelächter und in seinen matten Augen blitzte es auf. Ein längst vergessen geglaubtes Gefühl mahnte ihn einzuschreiten. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Der Mann hatte Richard gemocht, ein solches Ende hatte er nicht verdient. Doch es blieb keine Alternative, Richards Schicksal war besiegelt, noch in dieser Nacht hatte er zu sterben.
Die Reste der Eingangstür wurden aufgestoßen und Richard landete unbeholfen im Dreck. Er hielt sich seine, in einem grotesken Winkel abstehende rechte Hand und versuchte aufzustehen. Um ihn scharten sich die Männer und ihre gezielten Schläge hallten dumpf. Richards zahnloser Mund formte einen Hilfeschrei und brachte seine Peiniger endgültig zur Raserei. Einem Rudel hungriger Wölfe gleich, begruben sie den Wehrlosen unter sich. Richards Blut tränkte den Boden. Der Hauptmann betrachtete seine Schergen wohlwollend und als er endlich einschritt, bewegte sich Richard nicht mehr. An den Füßen wurde seine leblose Gestalt über das Pflaster gezerrt, sein vorgefertigtes Todesurteil war noch vor der Anklage erfüllt worden.
Der Mann ließ noch ein paar Minuten verstreichen, dann begab er sich in Richards Wohnung. Kleidung lag auf dem Boden, die Truhe in der Ecke war aufgebrochen, der große Schrank eingetreten. Der Mann hob die Figuren eines Schachspiels auf und stellte sie auf das Brett am Fenster. Seufzend nahm er einen Stuhl und setzte sich. Früher hatte er oft mit Richard Schach gespielt, schon als Kind hatte sich seine ungewöhnliche Intelligenz gezeigt. Er glich in vielem seinem Vorfahr. Der Mann schloss seine Augen und strich über sein langes Haar, das von vielen grauen Strähnen durchzogen war. Genau wie Richard hatte er auch dessen Vorfahr im Stich gelassen. Er hatte damals grässlich versagt. Ein Fehler, für den er mehr als jeder andere Mensch büßen musste. Er war so müde, so unendlich müde und seine Erlösung lag in weiter Ferne. Vor sich hin starrend, ließ er die Zeit verrinnen, die Gespenster der Vergangenheit marterten sein Gehirn. Das Gefühl der Schuld, des vollkommenen Versagens, lastete schwer auf seiner Brust und nahm ihm den Atem. Nur mit äußerster Mühe gelang es ihm, sich aus der Starre zu lösen. Woher sollte er nur die Kraft für eine Mission nehmen, die Generationen überdauerte? Der Mann schüttelte den Kopf, er wusste es nicht.
Der alte Holzboden ächzte, als er sich erhob und zur Truhe schritt. Das schwere Buch befand sich noch darin. Der Mann nahm es heraus, legte es auf den Tisch und tat das, wofür er gekommen war, das, womit er das Kapitel Richard Meunier abschloss. Er prüfte sorgfältig Richards Notizen und tilgte alle Hinweise auf dessen ungewöhnliche Fähigkeit. Richard sollte als Verrückter in Erinnerung bleiben. Die Nachwelt durfte nicht von seinen Reisen erfahren. Die Folgen wären unabsehbar. In gleicher Weise löschte er alle Anmerkungen zu seiner eigenen Person. Niemand durfte sich an ihn erinnern. Er, der Schicksal spielte, war nicht mehr als ein Phantom. Ein Wesen, das es nicht geben durfte. Gedankenverloren strich er über den schweren Ledereinband, dann legte er das Buch an seinen angestammten Platz zurück. Richards Sohn würde es bei Zeiten an sich nehmen.
Der Mann wandte sich zum Gehen. Im Türrahmen warf er einen letzten Blick in das Zimmer, dann verschwand er im Labyrinth der Pariser Gassen.