Der so genannte "Dreißigjährige Krieg" war keine angenehme oder gar humanistisch herausragende Zeitspanne in der Geschichte Europas. Im Gegenteil, was man historisch gesichert von diesen Jahren weiß, ist ein Sammelsurium menschlicher Abgründe und lässt den interessierten Betrachter von heute in der Gewissheit, dass "Leben" in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert vor allem eine Frage des Überlebens war.
Wie erlebt man eine Zeit, in der der Mensch des Menschen Wolf ist? Zahlreiche historische Romane haben sich mit dieser Frage beschäftigt, deren Beantwortung natürlich aus der Distanz der Jahrhunderte betrachtet immer nur fiktiv sein kann.
"Ich habe mich beim Schreiben meines Romans an die Worte von John Irving gehalten", bringt der Villinger Christof Weiglein dieses Dilemma auf den Punkt. "Der sagt, je schräger und skurriler eine Geschichte sei, desto genauer müsse man schreiben." Weiglein hat mit seinem nun vorliegenden Roman "Das Ende des Kreises" das Experiment gewagt und Historisches mit Fantastischem gemischt. Und den Punkt geradezu meisterlich getroffen. Das Ergebnis seiner fast sechsjährigen Arbeit ist lesenswert. Wenn auch an etlichen Stellen die drastischen Schilderungen von Kampf-, Folter- und Hinrichtungsszenen eher zart besaitete Naturen erschaudern lassen.
Doch lässt man sich auf die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges ein, dann kommt man nicht um Grausamkeiten herum, selbst wenn diese, teilweise zumindest, in einem Städtchen wie Villingen spielt.
Doch bis es zu den Ereignissen um die Belagerung der Stadt im Jahr 1633 kommt, sind 350 Seiten des insgesamt 600 Seiten umfassenden Buches schon gelesen. Man hat von der Belagerung und Vernichtung Magdeburgs durch die kaiserlichen Truppen im Jahr 1631 detailreich erzählt bekommen, wurde entführt in die pulsierende Metropole Amsterdam mit ihren korrupten Handelsmogulen, vielen Grachten und ausschweifenden Festivitäten und erfuhr vieles über das leid- und auch lustvolle Leben der einfachen Bevölkerung in der damaligen Zeit. Soviel zu den historischen Fakten und den fiktiven Geschichten um die Menschen dieses Jahrhunderts.
Fantastisch dagegen die Geschichte um zwei gegensätzliche Männer, die ein Geheimnis haben und die Geschicke dieser Zeit lenken und einem jungen Mann, der im Geist eine unfreiwillige Zeitreise hinter sich bringt. Eine Zeitreise, die ihn vom Villingen der Jetzt-Zeit ins barbarisch umkämpfte Magdeburg des Jahres 1631 schleudert. Wie es dazu kommt, ist auf den ersten 60 "Jetzt-Zeit"-Seiten des Buches beschrieben, ausführlich genug, um die Personen, um die es letztendlich geht und die den "Kreis" schließen sollen, einzuführen.
Die eigentliche Geschichte jedoch ist eher ein Sitten-, besser Unsittenbild einer Zeit, die von Krieg und Leid zerfurcht wurde. "Ich habe mich durch eine Menge geschichtliche Literatur gewühlt", erzählt Christof Weiglein. Fast vier Jahre dauerte sein Prozess der Recherche und des Schreibens. Dabei waren insbesondere die Tagebücher des Abt Gaisser eine große Hilfe, als es für Weiglein darum ging, die Geschehnisse in Villingen um das Jahr 1633 zu beschreiben. "Gerade während der Belagerung hatte der Abt damals täglich Tagebuch geführt und detailliert berichtet", so Weiglein.
Neben der sehr präzisen Beschreibung historischer Fakten, die ab und zu den künstlerischen Bedürfnissen "angepasst" wurden, sticht insbesondere die fantastische Seite der Geschichte ins Auge, in der sich die beiden Protagonisten Jakob und Sebastian einen Kampf in Etappen liefern, in der "Gut" gegen "Böse" antritt und manchmal nicht ganz klar ist, was eigentlich gut und böse tatsächlich ist.
Diese Story ist so geschickt und logisch in den Gesamtkontext des historisch angelegten Romans verwoben, dass man sich gerne auf diese mystisch-surreale Ebene einlässt.
Uwe Spille, Südkurier 28.12.07